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                                                                                                                        24. 05. 05   Besprechung des Buches „Der mazedonische Knoten“ von Hans-Lothar Steppan für die Deutsche Welle (Übersetzung aus dem Mazedonischen).                                            Von Dr. Kica B. Kolbe    
Gewiss sind das Osmanische Reich oder der Berliner Kongress für uns heute längst vergessene Namen, tote Aktenzeichen im Staub der historischen Archive; dennoch sollten wir nicht vergessen, dass sie zuweilen auch jene Schatzkammer sind, in welcher zugleich Geheimnisse gehütet werden. Deren Aufdeckung besitzt die Wirkung eines guten Kriminalromans. An die Dramaturgie eines solchen Romans erinnert auch die Geschichte eines weiteren längst vergessenen historischen Begriffs – jenes des Balkanbundes. In der aktuellen europäischen Öffentlichkeit ist weder die Erinnerung an die Ursachen für seine Entstehung, noch an dessen Folgen, den Balkankriegen, gegenwärtig. Die letzteren werden nur von denjenigen Menschen im Gedächtnis behalten, die ihre Auswirkungen in der eigenen Biographie erfahren haben – dies sind vor allem die Bewohner Mazedoniens, das nach den Balkankriegen aufgeteilt wurde.

Würde man sich an diese Dinge heute besser erinnern, dann wären wohl die Entscheidungen bezüglich Mazedoniens in den europäischen Kabinetten objektiver ausgefallen und nicht nur dem Einfluss politischer Interessen ausgesetzt, glaubt Hans-Lothar Steppan, der bislang vornehmlich als erster deutscher Botschafter in Mazedonien bekannt war. Nun ist er genauso sehr als Wissenschaftler hervorgetreten, dem es gelungen ist, all jene anscheinend toten historischen Fakten für die mazedonischen Leser in lebendigste Aktualität zu verwandeln. Dies tat er in seinem Werk „Der mazedonische Knoten“, das in mazedonischer Übertragung im November 2004 im Verlag „AZ-Buki“ in Skopje erschienen ist. Die deutsche Ausgabe erschien im „Verlag Peter Lang“ im Januar 2004. Das heißt, die mazedonische Übersetzung, die fünf Übersetzer in Teamarbeit in Skopje und Deutschland anfertigten, erfolgte in ungewöhnlich kurzer Zeit nach dem Erscheinen des deutschen Originals. Im Augenblick ist Hans-Lothar Steppans Buch tatsächlich Bestseller in Mazedonien.

Woran liegt es, dass dieses Buch eine solche Anziehungskraft auf die mazedonischen Leser ausübt ? Zunächst daran, dass der mazedonische Leser bereits seit langem nach einem solchen Buch Bedürfnis hatte. Ferner gründet die Anziehungskraft dieses Buches auf der unglaublichen Aktualität der darin vorgelegten Dokumente. All jene nämlich, die die Existenz der mazedonischen Nation verneinen, behaupten, es gebe keine authentischen historischen Dokumente, die eine Nation vor der Gründung des mazedonischen Staates 1991 bestätigen würden. Hans-Lothar Steppan zeigt mit der Akribie eines ausgezeichneten Forschers, dass solche Unterlagen dennoch in großer Zahl existieren. Nach solchen muss man allerdings in den historischen Archiven suchen.

Seine These lautet, dass die den Mazedoniern benachbarten Balkanstaaten in dem Jahrhundert des Kampfes um die Eroberung Mazedoniens diese Wahrheit aus dem europäischen Gedächtnis systematisch verdrängt haben, indem sie ihre eigene Propaganda in den Vordergrund stellten. Es sei also nicht verwunderlich, dass sich niemand mehr daran erinnere, dass die Dinge einst völlig anders gelaufen sind. Genau diese bislang vernachlässigte Dimension in der Lesart der Geschichte interessiert den Autor des „Mazedonischen Knotens“. Sein Ziel ist es, nachzuweisen, dass die mazedonische Identität eine historische Evidenz besitzt. Er dokumentiert somit die Existenz eines eigenständigen mazedonischen Volkes. Und zwar, ergänzt er polemisch, nicht eines „bulgarisch-mazedonischen, nicht eines griechisch-mazedonischen, nicht eines serbisch-mazedonischen und nicht eines albanisch-mazedonischen, sondern eines eigenständigen mazedonischen Volkes“. (H-L.Steppan, Der mazedonische Knoten. S. 13)

Glaubwürdige Materialien hierfür könne man nur bei den Berichterstattern der damaligen Missionen im Osmanischen Reich finden. Steppan ist der Meinung, dass die Berichte der einstigen deutschen Botschaften und Konsulate in dieser Hinsicht zuverlässiger sind, weil das Deutsche Reich seinerzeit, im Unterschied zu den anderen europäischen Großmächten, im Hinblick auf den Balkan keine nationalen, sondern lediglich wirtschaftliche Interessen besaß.
Das Werk bietet eine unermessliche Fülle an bisher unbekannten historischen Berichten. Diese Studie entstand in einem mehrmonatigen und sehr aufmerksamen Sichten und Lesen der bis dahin noch unveröffentlichten Dokumente im Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes. „Von den 2009 dicken Aktenbänden in den Archiven des Auswärtigen Amtes, in denen Berichte allein über die ‚Angelegenheiten des Osmanischen Reiches‘ aufbewahrt werden, betreffen 154 Bände ausschließlich die „Verhältnisse in Mazedonien“, - und zwar selbstverständlich unter dem Namen „Mazedonien“, merkt Steppan an, zugleich auf die griechische Exklusiviät des Namens Mazedonien reagierend.

Im Mittelpunkt des Interesses steht ein historischer Zeitabschnitt, der sich für Mazedonien als schicksalhaft erwiesen hat – die Zeitspanne vom Berliner Kongress bis zum Ersten Weltkrieg. Dabei interessiert den Autor bei der Bearbeitung der Dokumente in erster Linie dasjenige, was hilfreich erscheint, nicht nur die Vergangenheit zu erhellen, sondern ebenso die aktuelle Politik der Nachbarstaaten und Europas gegenüber Mazedonien verständlich zu machen.
Die objektive Analyse der vorgelegten Dokumente aus dem historischen Archiv ermöglicht dem Leser, das Ausmaß der propagandistischen Einseitigkeit zu erkennen, an welcher häufig jede nationale Historiographie auf dem Balkan leidet. Die außerordentlich bedeutende Leistung des Autors liegt darin, dass er mit seinem Buch das provinzielle, balkanische und geschlossene mythologische Bild sprengt, wodurch er zugleich auch die Sicht auf den Hintergrund der „Mazedonischen Frage“ erweitert.

Für die Gestaltung dieses Bildes waren nicht nur die Interessen der Nachbarn Mazedoniens maßgebend. In allen entscheidenden Momenten für Mazedonien seien dessen Nachbarn zwar die sichtbaren Akteure gewesen, die Fäden hinter der Bühne hätten jedoch stets England, Frankreich und Russland gezogen.
Dadurch, dass er Dokumente vorgelegt hat, in welchen die deutschen Botschaften und Gesandtschaften über die Machtspiele der Regierungen und der Königsfamilien der europäischen Großmächte berichteten, zeigte Hans-Lothar Steppan in seiner Dokumentation sehr überzeugend auf, warum Mazedonien in diesen Machtspielen leider immer nur als „Bauernopfer“ diente. Gemäß einer seiner zentralen Thesen sei das Feilschen um Mazedonien auf dem Balkan nur eine Nebenbühne des großen europäischen Theaters , in dem die einstigen Großmächte die Politik der Entente gegen das Deutsche Reich am Vorabend des Ersten Weltkriegs durchzusetzen suchten.

Obschon die Balkanstaaten bereits um 1878 die Gründung eines Balkanbundes geplant hatten, wäre ihnen diese Tat ohne Beihilfe der Entente-Mächte nie gelungen, weil ihre Interessen sich stets gekreuzt und somit aufgehoben haben; in ihrer gegenseitigen balkanischen Feindseligkeit hätten sie niemals eine gemeinsame Linie gefunden, um einen Krieg gegen das Osmanische Reich anzufangen, um danach Mazedonien unter sich aufzuteilen. Erst mit Hilfe ihrer Instruktoren aus den Regierungen und Dynastien der Entente-Staaten konnten sie sich einigen.

Dies ist nur eine der zahlreichen und bedeutenden Erkenntnisse, die dem Leser in diesem Buch begegnen werden. Sie erwecken bei ihm zugleich eine gewisse Melancholie, und zwar wegen des Zynismus der Geschichte auf dem Balkan, dessen Landkarten, wie einst Karl Kraus in seinem Bühnenwerk „Die letzten Tage der Menschheit“ schrieb, die europäischen Generäle schneiderten, während sie bisweilen mit den Landesgrenzen wie mit Dominosteinen spielten.



Gegendarstellung
zur Rezension von Privatdozent Dr. Christian Voss
in den Mitteilungen der Südosteuropa-Gesellschaft, München, Heft 06/2005, S. 107 f.

Nachdem die o. b. Zeitschrift es "als unüblich" ablehnte, meine Gegendarstellung abzudrucken, obwohl die Renzension vor Fehlern strotzt, gebe ich meinen Text, einschl. einiger Ergänzungen, an dieser Stelle wieder:

Eine Rezension darf diffamieren wollen, aber die Bezugsdaten müssen stimmen. Das ist bei der vorliegenden nicht der Fall. So ist z. B. nicht erklärlich, wie der Rezensent behaupten kann, im Buch werde die nahtlose Kontinuität zwischen dem antiken und dem slawischen Mazedonien hergestellt („die Makedonen, die seit der Antike als Volk bestehen" und „Behauptung einer kontinuierlichen makedonischen Nationalidentität“). Eine solche Vorgehensweise ist unseriös, denn im „mazedonischen Knoten“ steht dies nicht, ganz im Gegenteil, wie u. a. auf S. 36 (in der überarbeiteten Fassung auf S. 23) ausgeführt wird. Außerdem ist dieser Sachverhalt bereits im ersten Satz der kurzen Inhaltsangabe auf dem Buchdeckel umrissen. (Allerdings muss man sich schon die Mühe machen, das Buch umzudrehen und auf der Außenseite des Rückdeckels nachlesen.)
Diese Fehlinterpretation könnte darauf zurückgehen, dass die Bearbeiter der - lt. homepage - „Angenommenen Rezensionen“ vielleicht das Phantom eines schwerwiegenden Fehlers in die Welt setzten, um an Hand dessen den Autor effektvoll des Mangels an nicht verarbeiteter Literatur zu zeihen – deren Beweisführung der Verfasser gar nicht bedurfte, da er weder mündlich, noch schriftlich jemals eine Kontinuität zwischen den antiken und den slawischen Mazedoniern vertreten hat.

Ferner: „Zur Identität der Makedonen liefert Steppan jedoch keine neuen Einsichten“, das Buch trage „nichts zur Kenntnislage der makedonischen Frage im behandelten Zeitraum bei“. Das sehen viele Leser, insbesondere die Mazedonier selbst, ganz anders. Sie sind begeistert über den eindeutigen Nachweis der völkerrechtswidrigen Annexion mazedonischen Gebiets 1912/13 durch die Nachbarstaaten, die auch heute noch die historischen Tatsachen ignorieren und ihre ungerechtfertigten Ansprüche auf die mazedonische Identität erheben, ohne von der Völkergemeinschaft, besonders der vorrangig zuständigen EU auf die Einhaltung der Gepflogenheiten eines zivilisierten Umgangs hingewiesen zu werden. Als Beispiele für den mazedonischen Zuspruch zu meinem Buch möchte ich u. a. folgende Nachweise erbringen: die Veranstaltung der Mazedonischen Akademie der Wissenschaften und Kultur aus Anlass der Vorstellung der mazedonisch-sprachigen Übersetzung des Buches, das in Mazedonien zeitweilig Bestseller war, sowie aus der anerkennenden Würdigung der Deutschen Welle, ferner aus einem workshop der Sv. Kiril- und Metodij-Universität in Skopje und aus der Verleihung des Preises „Geistiger Vorkämpfer Mazedoniens“.
Nachtrag 2007: Im Herbst dieses Jahres wurde mir die Ehre zuteil, von der Mazedonischen Akademie der Wissenschaften und Kultur den renommierten "Blasche Koneski-Preis" verliehen zu bekommen.
 Aber auch in Deutschland haben Käufer sich nicht von Vossens Warnung abschrecken, sondern vielmehr anregen lassen, das Buch zu beschaffen, wie mir der Verlag bestätigte - und die Südosteuropa-Gesellschaft schon vorausgesagt hatte. Auch hat ein deutscher Kenner Mazedoniens das Buch als lesenswert bezeichnet. (Dabei mögen ihn meine gelegentlichen polemischen Überspitzungen vermutlich genau so gestört haben, wie manchen anderen Leser.)
Im übrigen bedeutet die Würdigung des „Mazedonischen Knotens“ durch die Mazedonier natürlich nicht, dass sie meines Buches bedurft hätten, um ihre eigene Geschichte kennen zu lernen, weil ihnen etwa die historischen Abläufe fremd gewesen wären! Keineswegs. Allerdings konnten sie die tragischen Hintergründe ihrer Geschichte, d. h. die Intrigen der Großmächte und der Balkanstaaten gegen Mazedonien (deren Aufdeckung das Hauptanliegen dieses Buches ist) nicht kennen; ebenso wenig konnten sie etwas von den enthüllenden Berichten der deutschen Auslandsvertretungen in den Akten des Auswärtigen Amts wissen. Es kommt hinzu, dass die mazedonischen Darstellungen und Quellen von den vorurteilsbehafteten Interessenvertretern der Nachbarstaaten ständig angezweifelt, planmäßig diskreditiert und systematisch boykottiert wurden und werden. Die Folge davon ist, dass die Wirklichkeit der historischen Entwicklung weder auf dem Balkan, noch im übrigen Europa zur Kenntnis genommen wird.
Die Erklärung ist denkbar einfach (und ist Kennern selbstverständlich seit je geläufig):
Neben den Balkanstaaten haben auch die Mitglieder der Entente – England, Frankreich und Russland – das Schicksal Mazedoniens nicht nur mitgeprägt, sondern in Ausführung ihrer eigenen Machtpolitik weichenstellend entschieden, so dass sie sich sogar nach der Unabhängigkeit der Republik Mazedonien 1991 nicht erlauben können, eine abweichende objektive Interpretation – statt der von den Balkanstaaten (in erster Linie von Griechenland) betriebenen interessenbedingten Geschichtsbetrachtung – zu vertreten. Dies bedeutet, dass auch die heutigen Mazedonier nicht mit einer gerechten Behandlung ihrer Geschichte durch die Mehrheit der europäischen Staaten rechnen können – und wieder einmal verlassen und wehrlos dastehen. Wenn überhaupt von einer nicht-balkanischen Macht die Bereitschaft, der Wahrhaftigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, erwartet werden könnte, dann nur von Österreich, vom - heutigen - Russland, von Ungarn oder von Deutschland.
Deswegen war es für die Mazedonier eine willkommene Gelegenheit, ihre eigene Sicht auf die mazedonische, wie auf die gesamte balkanische Geschichte in einem ausländischen, also deutschen Buch auf Grund ausländischer, also deutscher Quellen mit genau denjenigen Ergebnissen wieder zu finden, die sie selbst zusammengetragen haben.
Jedenfalls ist es für mich eine große Genugtuung, von mazedonischer Seite die Bestätigung zu erhalten, wie hoch sie den Stellenwert des Nachweises ihrer Identität aus den Dokumenten eines dritten Staates über ihre Geschichte einschätzen.
Zur Bestätigung kann ich für das Jahr 2008 folgendes nachtragen:
Am 5. September wurde mir, neben vier anderen Preisträgern, von der Ramkovski-Stiftung dankenswerterweise der mit 10.000,-Euro dotierte "Krste P. Misirkov"-Preis verliehen. Hiermit wollte die Stiftung nicht nur mein Buch über die Geschichte der Republik Mazedonien würdigen, sondern auch meine zahlreichen Veröffentlichungen in den Printmedien zur heutigen prekären Lage Mazedoniens sowie meine Zuschriften an national und international bedeutende Persönlichkeiten, um deren Aufmerksamkeit auf das von den Nachbarn unberechtigterweise bedrängte Mazedonien zu lenken.
Sogar von amtlicher Seite ist mir Anerkennung gezollt worden, denn die mazedonische Regierung, vertreten durch das Kultusministerium, hat sich großzügigerweise bereit erklärt, meine Kosten, die bei der Übersetzung des "Mazedonischen Knotens" in die englische Sprache entstanden waren, zu übernehmen.
Ebenfalls nahm der Präsident der Akademie der Wissenschaften und Kultur, Herr Prof. Dr. G. Stardelov, die Gelegenheit Anfang September wahr, mir in einer Feierstunde in Anwesenheit des geamten Vorstands der Akademie die Urkunde und die Medaille zum "Blasche Koneski"-Preis, der mir 2007 verliehen worden war, zu überreichen.

Der Vorwurf des „Brandstiftertums“ im Zusammenhang mit der angeblich „offenen“ Befürwortung von „Grenzverschiebungen“ ist eine Ungeheuerlichkeit. Es ist erschreckend, mit welcher anmaßenden Leichtfertigkeit ein Hochschullehrer diesen Vorwurf jemandem gegenüber erhebt, der sein ganzes Berufsleben hindurch entsprechend seinen Möglichkeiten nach Kräften gerade das Gegenteil betrieben hat. Dieser Vorwurf erfordert unbedingt eine Richtigstellung:
Glücklicherweise gibt der Rezensent in seinem Zitat das entscheidende Stichwort „nur mit Zustimmung Bulgariens und Griechenlands“ vollständig aus meinem Text wieder. Damit wird die völkerrechtlich unabdingbare Voraussetzung für eine etwaige Grenzänderung in einer freien Vereinbarung benannt, wie sie vor etwa einer Generation bekanntlich auch zwischen Deutschland und Polen erfolgte. (Offenbar würden ein paar Grundbegriffe des Völkerrechts sowohl den „angenommenen Rezensenten“, wie ihrem Lehrer nichts schaden.)
Ohnehin würde kein Politiker dieses hypothetische Gedankenexperiment im Zusammenhang mit einem unabhängigen westmazedonischen Albanien („Republik Ilirida“) und Groß-Kosovo als „Handlungsanweisung“ ansehen, wie der Rezensent unterstellt, da ein solcher spekulativer Fall schlechterdings nicht eintreten wird; vielmehr war dieses Beispiel dazu gedacht, gerade die ständig drohenden Grenzänderungen auf dem Balkan (z. B. auch im Kosovo) ad absurdum zu führen.

Und das Angebot Russlands an Serbien 1912, ihm als Gegenwert für den Beitritt zur Entente gegen Deutschland das gesamte Territorium Albaniens anzubieten, soll mit dem Begriff „Perfidie“ überspitzt beschrieben worden sein, soll „pamphletartiger Stil“ sein? (Es wäre interessant zu erfahren, wie wohl die Albaner diesen unerhörten Vorgang bezeichnen.) Dies ist der exemplarische Fall eines völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Zitats, ohne den dahinter stehenden historischen Sachverhalt erkannt zu haben.

Es muss ebenfalls richtig gestellt werden, dass die „europäische Kabinettspolitik des ‚balance of power‘ “ keineswegs das „eigentliche“ Thema meines Buches über die Geschichte der Republik Mazedonien war. Denn zu Beginn der Recherchen war es absolut unvorhersehbar (andernfalls hätten die Fachleute, wie z. B. Dr. Voss, diese Zusammenhänge längst selbst aufgedeckt), dass es erst die Entente-Strategie der „Einkreisung“ Deutschlands war, die 1911 den vier Balkankönigreichen - als Gegenwert für ihre Mitgliedschaft in der Entente - den Weg in Form eines russischen Schutzbündnisses mit Serbien und Bulgarien frei gemacht hat, um im folgenden Jahr zusammen mit Griechenland und Montenegro den Balkanbund zu gründen und einen Krieg (den Ersten Balkankrieg) gegen das Osmanische Reich um das mazedonische Territorium vom Zaun brechen zu dürfen. Nach erfolgter Tat, d. h. nach widerrechtlicher Annexion Mazedoniens, lösten die Balkanstaaten tatsächlich auch ihren Part der Vereinbarung ein (wegen des Zweiten Balkankriegs bekanntlich außer Bulgarien): Serbien erklärte Deutschland bereits am 04.08.1914 den Krieg (!) und Griechenland trat im Sommer 1917 in den Ersten Weltkrieg ein, nachdem König Konstantin, ein Schwager Kaiser Wilhelms II., ins Exil gedrängt worden war.
Diese Hintergründe wurden mir, wie ich u. a. bereits in der Vorbemerkung meines Buches, S. 13 (Nr. 2), ausdrücklich betont habe, unerwarteterweise vom Archivmaterial vorgegeben. Ich hätte mir wirklich eine leichtere Aufgabe gewünscht, als aus den Akten wiedergeben zu müssen, dass unübersehbare Indizien darauf hindeuten, dass es die Entente unter Führung Englands war, die den Ersten Weltkrieg als Präventivkrieg inszeniert hat, und nicht das Deutsche Reich den Krieg begonnen hat, wie ihm seinerzeit in Versailles angehängt worden ist.
Nachdem das Archiv aber nun einmal das Material bot, das ich pflichtgemäß verarbeitet habe, ist nicht einzusehen, was der Rezensent so verwerflich daran findet, dass ich die Geschichte über die überraschend enge Verknüpfung der Entente-Politik gegenüber Deutschland mit der Opferrolle, die die Entente aus eigensüchtigen Interessen den Mazedoniern aufgebürdet hatte, so beschrieben habe, wie sie sich nach Aktenlage darstellt.
Schließlich konnte ich es kaum unberücksichtigt lassen, dass es von Dokument zu Dokument deutlicher wurde, welch eine zentrale Rolle dem mazedonischen Volk im Konzept der Entente zur Vorbereitung eines großen Krieges gegen das Deutsche Reich zugewiesen worden war: nämlich die Instrumentalisierung der Balkanbund-Staaten um den Preis Mazedoniens.

Was die „antigriechischen Ressentiments“ betrifft, so hat mir die Politik Griechenlands gegenüber Mazedonien seit rd. 150 Jahren, wie ich sie aus den Akten entnommen habe, kaum Anreize für progriechische Ressentiments geboten. (Davon bleibt die Achtung vor der kulturellen Leistung der antiken Griechen für das Abendland völlig unberührt.) Es ist offenbar gewöhnungsbedürftig, wenn erstmalig im deutschen Sprachraum ein Buch über die Geschichte Mazedoniens erscheint, das nicht ausschließlich die Interessen der Nachbarstaaten darstellt, sondern auch den eigenen mazedonischen Blickwinkel berücksichtigt. Jedenfalls ist es zu simpel, historische Fakten als „Ressentiments“ abzutun.

Auch ist nicht nachzuvollziehen, warum der Rezensent die Behandlung von „Personalia“ so abfällig abtut. Nach der Überzeugung vieler Leser vermitteln gerade die zahllosen Informationen über politisch handelnde Persönlichkeiten einen unerwartet tiefen und bisher unbekannten Einblick in das Zustandekommen schicksalsschwerer Entscheidungen, die zur Deutung historischer Ereignisse in der mazedonischen Geschichte Wesentliches beitragen können und sich somit als unentbehrlich erweisen. Ohne diese Details ginge ein oft vermisstes Maß an Authentizität verloren. Dass ein Teil dieser Dokumente ausgerechnet die beschämende Rolle der Griechen beim geplanten Untergang auch der Mazedonier (wie schon der Thrazier und Epiroten) aufdeckt, mag die Griechen und einen Freund Griechenlands erzürnen, - ist aber nicht vom Autor zu vertreten.

Es ist eine Binsenweisheit, dass jemand, der Position bezieht, angreifbar wird, besonders von Kritikern, die dahinter sofort „das Hervortreten des Autors als Person“ sehen wollen, - was immer das heißen soll. Angesichts der ungezählten polemischen Äußerungen von Vertretern der Nachbarstaaten gegenüber Mazedonien vom 19. Jh. bis in die jüngste Gegenwart hinein habe ich (befreit von amtlichen Berichtsregeln, -denen zufolge übrigens immer Position bezogen werden musste) mich tatsächlich angeregt gefühlt, in meinen persönlichen Kommentierungen wie der bekannte grobe Keil auf den groben Klotz ebenfalls polemisch zu reagieren (außer in den historischen Darstellungen). Insofern wäre es in Ordnung, wenn der Rezensent seinerseits davon ausginge, auf meinen groben Klotz gehöre sein grober Keil. Aber: „unflätig“?!
Polemik in Verbindung mit Ironie, mit Sarkasmus und -- sofern ein Autor persönlich es für angebracht hält – sogar mit Zynismus, ist eine Sache ..., aber diese Wortwahl ist doch sehr gewöhnungsbedürftig.

M. E. hätte der Rezensent seiner Aufgabe gerecht werden können, wenn er versucht hätte, meine historischen Ergebnisse wissenschaftlich zu widerlegen, statt sie pauschal als unwichtig und zweitrangig hinzustellen und sich darauf zu kaprizieren, einzelne überspitzte Formulierungen aus dem Text heraus zu greifen, die, wie gesagt, im Vergleich zu den unzähligen aggressiven Äußerungen der Nachbarstaaten über die angeblich fehlende Identität der Mazedonier in Richtung auf eine Fortsetzung der imperialistischen Territorialpolitik des 19. Jh.s, völlig vernachlässigbar sind. Aber vielleicht wollte er der Wahrheit gar keine Geltung verschaffen, sondern nur einer Lobby seine Stimme leihen. So bleibt mir nur die Interpretation, dass mit dieser Rezension von den unbequemen, enthüllenden Wahrheiten im "Mazedonischen Knoten" abgelenkt werden soll.