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Als Leseprobe folgen die ersten 5 Seiten des überarbeiteten Exemplars (frühere Seiten 32-35 und 56 ff.)

1 GRUNDLEGENDE ANGABEN UND AKTUELLE LAGE


1.1 Einführung
1.1.0  Prüfungsobjekt und Grundlagen der Untersuchung

Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, die Motive und Hintergründe der Politik der Balkanstaaten und der Großmächte gegenüber Mazedonien zu untersuchen. Hierfür wurde eine Geschichtsperiode des 19. und 20. Jh.s ausgewählt, nämlich vom Berliner Kongress bis zum Ersten Weltkrieg, die zwar schon 90-125 Jahre zurückliegt, die jedoch die Lage auf dem Balkan, insbesondere das Schicksal Mazedoniens, aber auch die Entwicklung Zentraleuropas, bis heute bestimmt. Gleichwohl sind diese Zusammenhänge in der Öffentlichkeit und in den Medien sowie offenbar auch in den politischen Institutionen, nationalen wie internationalen, nicht mehr präsent. Auch der Balkanbund ist kaum noch jemandem geläufig, obwohl er seinerzeit eine große Rolle gespielt hat, weil sich in ihm die Interessen aller Balkanstaaten - und der Entente-Mächte! - wie Strahlen in einem Brennglas konzentrierten. Selbst der Berliner Kongress wird nur noch schemenhaft wahrgenommen.

Sachlicher Ausgangspunkt der Untersuchung ist dieser Kongress des Jahres 1878, mit dem die mazedonische Frage erst zum Problem wurde. Imanuel Geiss definiert den Berliner Kongress als Bindeglied zwischen dem Wiener Kongress 1814/15 und dem Versailler Kongress 1919, bzw. - mit etwas verlagerten Bezugspunkten - als einen „der wichtigsten Schnittpunkte der inneren und internationalen Entwicklung Europas zwischen Französischer Revolution/Wiener Kongreß einerseits, Erstem Weltkrieg/Revolution 1917/18 in Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn andererseits.“3
Den zeitlichen Rahmen für die Suche nach spezifischen Hinweisen auf die mazedonische Geschichte bilden die Ereignisse seit etwa 1878 bis zur Gründung des Balkanbundes 1912, bis zu den Balkankriegen 1912 und 1913 und (ansatzweise) bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Grundlage für die Quellenforschung zur Nachzeichnung der Entwicklung in Südost-Europa bilden die Originalakten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes seit seiner Gründung 1870. Einige der bearbeiteten Vorgänge stammen noch aus den 60‘er Jahren des 19. Jh.s, also aus dem Preußischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten des Norddeutschen Bundes. Die Aktenauswertung beginnt in der Regel ungefähr mit dem Ende des Berliner Kongresses 1878 (im Falle Griechenlands etwas eher) und zieht sich bis zu den Balkankriegen, in einigen Abschnitten bis zum Ersten Weltkrieg hin. Richtschnur für die Auswahl der zu zitierenden Dokumente war, dem Thema entsprechend, ihr etwaiger Bezug zu Mazedonien. In einem Nebenstrang wird die dynastische Politik Griechenlands behandelt, da sie – auffälliger, als im Falle Bulgariens, Serbiens und Albaniens – einen besonderen Einfluss auf das politische Schicksal Mazedoniens ausgeübt hat.
Eher am Rande, aber untrennbar mit dem Hauptthema verbunden, wird auch ständig auf die Politik der Entente in ihrer Auswirkung auf die Inszenierung des Ersten Weltkriegs hingewiesen.
Von dem theoretisch möglichen - und dann mit Sicherheit Arbeit und Zeit sparenden - Rückgriff auf die mehr als 50-bändige Veröffentlichung ausgewählter und gedruckter Reichsakten in der Sammlung „Die Große Politik der Europäischen Kabinette: Die diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes 1871-1914“ durch eine Gruppe Wissenschaftler (Johannes Lepsius, Albrecht Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Thimme) in den zwanziger Jahren, konnte nicht - oder nur ganz sporadisch - Gebrauch gemacht werden:
In Anbetracht der hohen Zielsetzung des Projekts der Wissenschaftler, den unzutreffenden und daher unerträglichen Vorwurf der deutschen Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wie er im Art. 231 des sog. Versailler Friedensvertrages erhoben wird, richtig zu stellen, konnte seinerzeit die Auswahl der Akten aus dem Gesamtbestand des Deutschen Reiches natürlich nicht auch unter dem speziellen Blickwinkel der Eigenständigkeit des mazedonischen Volkes – dem gewählten Thema dieser Arbeit – vorgenommen und ausgewertet werden. Wie noch zu sehen sein wird, wären indessen gerade unter dem Aspekt der damaligen Zielsetzung die Akten zu den Themen „Balkanbund“ und „Balkankriege“ einer eingehenderen Auswertung wert gewesen.
Daraus folgt, dass die geprüften Berichte (bis auf sehr seltene Ausnahmen) aus unveröffentlichtem Material stammen.

Vorher gehegte Zweifel an der ausreichenden Ergiebigkeit des Berichtsmaterials aus dem 19. und beginnenden 20. Jh. zu diesem Thema wurden während der monatelangen Recherchen umgehend ausgeräumt: Von den 2009 dicken Aktenbänden in den Archiven des Auswärtigen Amtes, in denen die Berichte allein über die „Angelegenheiten des Osmanischen Reiches“ aufbewahrt werden, betreffen 154 Bände ausschließlich die „Verhältnisse in Mazedonien“, - und zwar selbstverständlich unter dem Namen „Mazedonien“. (Vorläufige Schlussfolgerung: Mazedonien kann also nicht so unbedeutend gewesen sein, wie die Nachbarstaaten es seit rd. 100 Jahren hinzustellen suchen.) Das Schwergewicht der Bearbeitung der Dokumente lag bei den Aktengruppen zu den Themen „Balkanbund“ und (soweit sie chronologisch in den vorgegebenen zeitlichen Rahmen fallen) „Balkankriege“. In einer Reihe von „Hintergrundinformationen“ werden auch relevante Details aus der Aktenserie „Die königliche Familie Griechenlands“ wiedergegeben (mit Ausnahme der Nr. (8), vgl. Ziff. 4.4.1.2.1). Neben diesen Akten mussten notgedrungen auch zahlreiche Bände aus Nachbarbereichen durchforstet werden, in denen Mazedonien zwar nicht die titelgebende, aber doch eine Hauptrolle – und zwar meistens als Opfer – spielte. (Alle Bände sind mit unterschiedlichen Archivnummern versehen, die jeweils im Register der Anmerkungen erscheinen und somit leicht auffindbar sind.)
Die Akten enthalten Berichte, die im oben abgesteckten Beobachtungszeitraum aus den zuständigen deutschen Auslandsvertretungen im Auswärtigen Amt in Berlin eingingen und nach geographischen oder thematischen Gesichtspunkten nach dem Datum des Eintreffens in Berlin gesammelt wurden.4 Einige wenige Berichte stammen aus den im Ersten Weltkrieg erbeuteten Geheimakten des serbischen Außenministeriums; ferner werden einige Reaktionen wiedergegeben, die sich nach den Turbulenzen als Folge der Veröffentlichung geheimer Akten der Zarenzeit durch die Trotzki-Regierung in Berichten und Presseartikeln niedergeschlagen hatten. Zur Erreichung einer größtmöglichen Authentizität sollen die herangezogenen Texte in Originalzitaten für sich sprechen. Daher der Untertitel dieser Arbeit: Eine Dokumentation.

Wenn es überhaupt zuverlässiges Material zur Bearbeitung dieses Themas gibt, kann es nur die Berichterstattung der damaligen Missionen im Osmanischen Reich liefern, - von den deutschen Botschaften und Konsulaten vielleicht noch eher, als von den Vertretungen anderer Länder, da der Kaiser und die Reichsregierungen, anders, als alle anderen Mächte, bekanntlich keine eigenen nationalen, außer wirtschaftlichen, Ziele auf dem Balkan anstrebten, und die Berichterstatter daher weniger der Gefahr von Einflüssen durch Interessen und Ideologien unterlagen. (Wer sich über die hohe Qualität der Berichte der zuverlässigen deutschen Diplomaten der damaligen Zeit informieren möchte, wird die einschlägigen Ausführungen von Hermann Kantorowicz mit Gewinn lesen.5)

1.1.1 Auswahl der zu untersuchenden Staaten

Nach diesem Konzept ergibt sich die Auswahl der Länder fast von selbst, deren Motive und Hintergründe für ihre Politik gegenüber Mazedonien im einzelnen untersucht werden müssen, um sich dem Thema zu nähern:
1.
Es sind zunächst die Mitgliedstaaten des Balkanbundes (Serbien, Bulgarien, Grie- chenland und Montenegro) sowie der Teilnehmer an den Balkankriegen (also zusätzlich Rumänien). Montenegro wird ausnahmsweise nicht berücksichtigt, da dessen Prüfung kaum neue Aspekte für die gestellte Aufgabe erbracht hätte, was schon aus dem geringfügigen Berichtsanfall ersichtlich war. Dagegen muss auf den vierten Nachbarn Mazedoniens, obwohl er weder Mitglied im Balkanbund war, noch an den Balkankriegen teilnahm, wenigstens skizzenhaft eingegangen werden, zumal er in der jüngsten Vergangenheit eine zunehmend unheilvolle Rolle für die Existenz Mazedoniens gespielt hat und allem Anschein nach auch weiterhin zu spielen beabsichtigt: Albanien.
2.
Ferner diejenigen Großmächte, die wegen ihrer eigenen Interessen auf dem Balkan in den engeren Kreis der Betrachtung gehören: Russland und Österreich-Ungarn sowie England, das in den Balkanangelegenheiten zwar vorzugsweise im Hintergrund wirkte, in der Weltpolitik aber, und dazu gehörten auch Konstantinopel mit dem Bosporus und den Dardanellen – und somit das Osmanische Reich – sowie in seiner traditionellen Gleichgewichtspolitik auf dem Kontinent seine Interessen in allervorderster Front vertrat. Dagegen können die anderen drei Großmächte – Deutschland, Frankreich und Italien – kursorisch abgehandelt werden: das Deutsche Reich hat gar keine territorialen Interessen am Osmanischen Reich entwickelt, Frankreich und Italien haben - jedenfalls seinerzeit - lediglich an außereuropäischen Gebieten der Türkei Erwerbungen realisiert.
3.
Schließlich, als einer der Hauptakteure: Das Osmanische Reich, das ca. 300 Jahre hindurch die Rolle eines Eroberers und Kolonialherrschers einnahm, sich jedoch in seinen letzten rd. 250 Jahren auf dem europäischen Kontinent, und zwar etwa seit der zweiten gescheiterten Belagerung Wiens 1683 bis zur letzten Etappe, den beiden Balkankriegen 1912/13, ständig auf dem Rückzug befand. Die Türkei - nur noch ein Schatten ihrer einst imponierenden Herrschaft über ein riesiges Imperium - wurde lediglich infolge der Uneinigkeit der Großmächte bei der Verfolgung ihrer Besitzansprüche an den Meerengen vor der völligen Vertreibung aus Europa bewahrt, blieb aber von seinen christlichen Untertanen noch bis zuletzt als grausamer Unterdrücker und Ausbeuter gefürchtet.
Die Bewahrung der türkischen Unabhängigkeit (und partiellen territorialen Integrität), besonders aber ihre bleibende Präsenz auf europäischem Boden - konzipiert und hauptsächlich betrieben von England - verhinderte vielleicht eine Lösung der Balkan- und Orientfrage in einer Form, die nach britischer Ansicht das europäische Gleichgewicht möglicherweise beeinflusst hätte, forderte aber einen hohen Preis, denn dadurch verzögerte sich die Erringung der Autonomie/Unabhängigkeit der um ihre nationale Befreiung kämpfenden Balkanvölker um wertvolle Jahrzehnte.
Einige vermochten ihre Souveränität doch noch zu erlangen, wenn auch erst im 20. Jh. Andere gingen als Opfer der Landgier der Balkanstaaten sowie der spezifischen Interessen Englands, Frankreichs und Russlands, in gewisser Beziehung aber auch Österreichs und Deutschlands, völlig im Strom der Geschichte unter.

1.1.2 Der Balkanbund

1). Der Balkanbund ist heute so gut wie in Vergessenheit geraten. Daher sind die Motive für seine Gründung nicht mehr geläufig. Seine Ziele und Folgen sind in den Erwägungen der europäischen und internationalen politischen Institutionen während des vergangenen, für den Balkan so eminent wichtigen Jahrzehnts nicht in erkennbarer Weise berücksichtigt worden. Das ist bedauerlich, denn die Kenntnis dieser Zusammenhänge hätte die Entscheidungen in den Kanzleien der europäischen Kabinette, in der EU-Kommission sowie in den Vereinten Nationen bezüglich der Republik Mazedonien auf eine objektivere Grundlage stellen und aus dem Dunstkreis von Interessenvertretung und Halbinformationen herausholen können. Die damaligen Überlegungen und Handlungen der Nachbarstaaten Mazedoniens sind in ihrem Wert für die Interpretation ihrer heutigen Politik gegenüber der Republik Mazedonien seit dem Zerfall Jugoslawiens kaum zu überschätzen, zumal die Folgen des Balkanbundes, in erster Linie also die aus ihm resultierenden Balkankriege 1912 und 1913, sich, wie schon erwähnt, bis zum heutigen Tage auf vielfältige Weise auf den gesamten Balkan, insbesondere aber auf Mazedonien, auswirken.
Es finden sich in den Akten auch plausible Erklärungsansätze für die interessenbedingten Vorbehalte der Nachbarstaaten gegenüber der aus der Bundesrepublik Jugoslawien 1991 hervorgegangenen Republik Mazedonien.

2). In jedem Standardwerk der Geschichte kann man nachlesen, dass die Absicht des am 13.3.1912 geschlossenen Balkanbundes „die Teilung Mazedoniens“ war.6 An anderer Stelle schreibt Herzfeld dazu:
Bei allen Differenzen wird diese Staatengruppe „immer wieder durch die gemeinsame Hoffnung zusammengeführt, in einer nahen Zukunft das Erbe der Türkei wie Österreich-Ungarns antreten zu können.“7
Man muss schon sehr genau hinschauen, um den unheilverkündenden Inhalt dieser Aussage in ihrem ganzen Umfang zu erfassen: Denn aus dem Text geht hervor, dass die Balkanstaaten auch „das Erbe ... Österreich-Ungarns“ anzutreten gedachten!
Wollten sie diesen Waffengang - und ohne einen solchen würde es mit der Erbschaft wohl nichts werden - gegen die damalige Großmacht der Habsburger Doppelmonarchie, die sogar von anderen Großmächten Europas zumindest respektiert, wenn nicht gar gefürchtet wurde, etwa allein bewerkstelligen? Mit diesem zusätzlichen Aspekt gewinnt der Balkanbund eine Dimension, die man ihm nach seinem Namen sowie nach seiner ursprünglichen Zielsetzung, nämlich der Beerbung der Türkei, nicht unterstellt hätte.
Immerhin versteht man besser, was die „Wiener Sonn- und Montagszeitung“ etwa fünf Wochen nach dem Ausbruch des 1. Balkankrieges, als die militärische Entscheidung fast gefallen war, schrieb:
„Früher“ habe man diskutiert, „daß die Balkanstaaten sich zum Schutze vor auswärtigen Angriffsplänen zusammengetan hätten,“ „gegenwärtig scheint man jedoch ... eher in den Balkanstaaten selbst den Herd der auf ganz Europa ausstrahlenden Unruhe zu suchen.“8

3). Seinerzeit war das Wissen um den Balkanbund so gängig, dass es natürlich auch Eingang in die Nachschlagewerke gefunden hat:
„Zielsetzung des B[alkanbundes] war es, den europäischen Besitz der Türkei aufzuteilen.“9 Und: „...die im Balkanbund vereinten Staaten Montenegro, Bulgarien, Serbien und Griechenland (erklärten) der Türkei den Krieg mit dem Ziel, das türkische Makedonien aufzuteilen.“10
Im Vergleich zur Fachliteratur der Geschichtswissenschaft hat die Enzyklopädie die Zielsetzung des Balkanbundes folglich in einem ganz entscheidenden Punkt (die Drohung gegen Österreich-Ungarn) zu eng gefasst.

4). Die eigentliche Gründung des Balkanbundes hing von vielen Parametern ab. Zu bestimmten Zeiten haben diese sich sehr rasch untereinander geändert, so dass sich zunächst ein völlig unübersichtliches Bild von Richtungen und Strömungen bietet. Da sind einmal die vielschichtigen Beziehungen der Balkanstaaten untereinander sowie die unterschiedlichsten Kombinationen aus den fünf damals bestehenden Balkanfürstentümern und -königreichen, die alle als potentielle Teilnehmer in Frage kamen. Im Planungsstadium wechselte deren Zusammensetzung ständig und war nicht frei von Überraschungen, denn auch die Teilnahme der Türkei selbst wurde immer wieder erwogen, obwohl dies für das Hauptziel des Bündnisses (jedenfalls aus der Sicht der Balkanstaaten) nichts als Spiegelfechterei bedeutete. Erst nach der Ausdehnung der Zielsetzung des Balkanbundes durch die Strategie der Entente-Mächte erhielt der Versuch, auch die Türkei in die Phalanx der Balkanstaaten mit einzubeziehen, sein volles Drohpotential für Deutschland und Österreich.
Ferner die Haltung und die Interessen der Großmächte gegenüber ihren Schützlingen, bzw. Gegnern, und zwar in durchaus wechselnden Gruppierungen, sowie selbstverständlich auch deren Beziehungen untereinander, einmal gegnerisch, ein anderes Mal freundschaftlich. Unter den Großmächten spielte das Osmanische Reich die Hauptrolle; nicht etwa, weil es immer noch als Großmacht angesehen und behandelt wurde, obwohl es längst keine mehr war, sondern weil es das Zielobjekt der Wünsche aller Staaten (außer Deutschlands) nach Erwerb des ehemals europäischen Teils der Türkei, und besonders der strategisch einzigartigen Position am Goldenen Horn von Konstantinopel war.
Nachdem die Gründung des Balkanbundes sich trotz der ursprünglichen Eindeutigkeit seines Ziels jahrzehntelang hingeschleppt hatte, erfolgte zu Beginn des 20. Jh.s seine Abwicklung überraschend zügig. Nach 1904 und 1907, besonders aber nach dem englisch-russischen Treffen in Reval 1908 erfolgte die Instrumentalisierung des Balkanbundes auf Grund der „global-europäischen“ Interessen der Entente, in erster Linie Englands (und Frankreichs): Mit Stoßrichtung gegen das Deutsche Reich. Damit verdient der Balkanbund das Etikett „historisch“.

Schließlich spielt der „Zeitgeist“, im vorliegenden Falle besonders derjenige des Imperialismus, seine unübersehbare und unheilvolle, aber offenbar unvermeidliche Rolle. Gerade aus der letztgenannten Eigenschaft bezieht der Begriff wohl seine herausragende Bedeutung. Theodor Schieder beschreibt den Imperialismus als „gewaltige Expansionsbewegung der europäischen Mächte.“11
Der Balkan erscheint dem Beobachter insofern wie ein Nebenschauplatz dieses Weltgeschehens, auf dem sich die kleinen Balkanstaaten – als ob sie von der imperialistischen Bewegung der Großmächte infiziert worden wären – wie Raubvögel auf die letzten, zu jener Zeit wehrlosen - christlichen - Völker auf dem Balkan stürzten, die noch unter osmanischer Herrschaft verblieben waren, um sich deren Land (nach dem Muster der großen „Vorbilder“ in Afrika, Asien und Amerika) anzueignen.

5). Obwohl der Balkanbund erst 1912 geschlossen wurde - zunächst nur zwischen Bulgarien und Serbien (und auch das erst nach russischer Ermutigung und der Garantie