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Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05. 03. 2006, der am 24. 03. 2006 unter dem Titel "Die serbische Loyalität" abgedruckt wurde:
Zum Beitrag "Erweiterte Erinnerung - Eine Tagung in Verdun - neunzig Jahre nach der Schlacht" von Gerd Krumeich (F.A.Z.,"Geisteswissenschaften" vom 1. März 2006):
Dusan Batakovic bringt dem Bericht zufolge "die Loyalität der serbischen Nation für ... Frankreich ... 1916" trivial mit der Dardanellen-Expedition von 1915 in Verbindung. Schwer vorstellbar, dass er die wirklichen Hintergründe für die serbische Loyalität nicht kennen sollte. Offenbar ist es selbst Anfang des 21. Jh.s noch zu früh, um von dem Angehörigen eines damaligen Alliierten Frankreichs die wahrheitsgetreue Darstellung der denkwürdigen Interessenkoinzidenz zwischen der Entente und den Balkankönigreichen zu erwarten.
Diese geht mindestens bis 1911 zurück: Damals hatte Russland für die Entente den Balkanstaaten Serbien und Bulgarien in einem Geheimabkommen Rückendeckung für deren (zusammen mit Griechenland und Montenegro geplanten) Angriff gegen die Türkei zugesagt. Erst dieses Abkommen ermöglichte es den vier Balkanstaaten, den schon seit dem Berliner Kongress beabsichtigten, wegen Aussichtslosigkeit aber nie zur Ausführung gelangten "Balkanbund" zu gründen, - und zwar am 13. März 1912 zwischen Bulgarien und Serbien (Montenegro trat im August bei) und am 29. Mai 1912 zwischen Bulgarien und Griechenland. Die entsprechenden Militärabkommen folgten am 2. Juli/8. September bzw. am 5. Oktober 1912.
Nach der Kriegserklärung Montenegros (!) an das Osmanische Reich (!!) am 8. Oktober 1912 - sozusagen als Test für die Reaktions(un)fähigkeit der Mittelmächte - zogen die anderen drei Balkanbund-Mitglieder am 17. Oktober 1912 (im Windschatten des italienisch-türkischen Krieges um Tripolis und die Cyrenaika) nach. Der Erste Balkan-Krieg war ausgebrochen - als Auftakt zum Ersten Weltkrieg.
Ziel war die Eroberung und Aufteilung der letzten türkischen Provinzen auf europäischem Boden: Thrazien, Mazedonien und (Nord-)Epirus. Diese Aggression hatte die Entente dem Balkanbund - trotz jahrhundertelanger Freiheitskämpfe auch dieser drei Völker - zugestanden, um als Gegenleistung mit Hilfe der Balkanstaaten endlich die (1908 in Reval zwischen England und Russland abgesprochene) Schließung des südlichen Teils der berüchtigten "Einkreisung"  Deutschlands vollenden zu können.

Es war gelungen: als Preis für die Erwerbungen lösten auch die Balkanstaaten ihre Zusagen gegenüber der Entente ein (wegen des Zweiten Balkankriegs bekanntlich außer Bulgarien): Serbien erklärte Deutschland und Österreich-Ungarn bereits am 4. August 1914 den Krieg, Griechenland trat (nachdem König Konstantin, ein Schwager Wilhelms II., ins Exil gedrängt worden war) erst im Sommer 1917 in den Krieg ein. Die Folgen jener Interessenkoinzidenz waren beträchtlich und wirken bis zum heutigen Tage nach: Die Thrazier und Epiroten sind untergegangen. Die Mazedonier, die im serbischen Anteil der Beute des Ersten Balkankriegs ("Vardar"-Mazedonien)  als Nation überlebten, haben seit 1991 unter ungerechtfertigten griechischen Forderungen zu leiden. Aber auch die EU ist beeinträchtigt: Großbritannien und Frankreich wagen es (anders als Russland, China und die USA) gegen den Willen Griechenlands wegen der Implikationen aus dem Ersten Weltkrieg nicht, die Republik Mazedonien mit ihrem legalen Staatsnamen zu bezeichnen.


Leserbrief an die F. A. Z. vom 06. März 2008, der am 14. März unter dem Titel "Macht geht nicht vor Recht" in nachstehender Form abgedruckt (und einige Wochen später von der mazedonischen Wochenzeitung "Forum" übernommen) wurde:
Zu "Nato fordert Einlenken Skopjes" unter der Rubrik "Ausland in Kürze" ... : Laut Ihrer Meldung hat Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer "Mazedonien zum Nachgeben im mazedonisch-griechischen Namensstreit aufgefordert. Griechenland sei ein Mitglied der Nato, die Anwärter seien es nicht. 'Das ist der Unterschied.'"
Mit dieser Basta-Politik hat der Generalsekretär das seit langem für überholt gehaltene Prinzip "Macht geht vor Recht" nicht nur wieder in Kraft gesetzt, sondern er hat es bemerkenswert erweitert, und zwar zu "Mitgliedschaft geht vor Recht". Eine entsprechende Gefälligkeitspolitik gegenüber Athen ohne den geringsten Bezug zur historischen Faktenlage betreiben auch die Europäische Union und das Europaparlament.
Das hat nichts mit unseren Zielen von Wohlergehen und Stabilität in Europa oder der beschworenen Gerechtigkeit zu tun.
Ist die Nato befugt, einen europäischen Staat - nur weil er wehrlos und noch nicht Mitglied ist - dermaßen zu kujonieren? Dürfen andrerseits die europäischen Institutionen im Rahmen unserer gerühmten abendländischen Werteordnung im 21. Jahrhundert einem Mitglied (nur weil es Mitglied und nicht etwa, weil es im Recht wäre) zur Verwirklichung seiner völlig willkürlichen Ansprüche auf den Namen "Mazedonien" gegen das mazedonische Volk verhelfen, das diesen Namen bereits seit rund 1400 bis 1500 Jahren trägt? Auch die Slawen der in der Völkerwanderungszeit besiedelten antiken Gebiete Thrazien und Epirus würden heute noch ihre damals "ersessenen" Namen tragen, wenn sie nicht nach den Balkankriegen 1912/13 nach der Annexion durch die rigide Gräzisierung, Bulgarisierung und Türkisierung sowie teilweise Albanisierung untergegangen wären. Die heutige Republik Mazedonien überlebte nur unter dem Dach von Titos Jugoslawien als serbischer Anteil an der damaligen Kriegsbeute.
Wollen unsere europäischen Institutionen in Erfüllung der übermütigen griechischen Anspruchspolitik auch noch dazu beitragen, Mazedonien unter dem Damoklesschwert der Beitrittsverweigerung seinen Namen abzupressen, und sich somit an neuem Unrecht beteiligen, nachdem die Balkanbund-Staaten Bulgarien, Serbien und Griechenland 1912/13 schon die damals noch türkische Provinz Mazedonien - angeblich zur Befreiung der dortigen Christen - überfallen und das mazedonische Territorium in einem völkerrechtswidrigen Akt vollständig aufgeteilt und annektiert hatten? Griechenland hat sich seinerzeit die Hälfte des mazedonischen Landes einverleibt, obwohl es in der Geschichte (ob antik oder postslawisch) vor 1913 noch niemals mazedonischen Boden besessen hat, geschweige denn einen berechtigten Anspruch auf den Namen "Mazedonien" vorgebracht hatte.
Genau dies sollte doch das Mindeste sein, was die Nato und die EU heute von Griechenland vor Opferung eines kleinen europäischen Volkes erwarten können.


Nachstehend folgen einige Leserbriefe (an die FAZ), die zwar eingesandt wurden, jedoch nicht zum Abdruck kamen:

Leserbrief vom 25. 03. 2007 auf die Rezension von Michael Salewski: "Unfähige Maschinisten des Machtgetriebes" in der FAZ vom 21. 03. 2007, S. L 21:
Die Ehrlichkeit des Rezensenten angesichts der "unerklärlichen" Ursachen des Ersten Weltkriegs ist beeindruckend, sein Eingeständnis, dass "wir das Wesentliche nicht ... (wissen)" geradezu weise. Trotzdem sollte die Zunft den Versuch fortsetzen, "das Puzzle der europäischen Beziehungen" zusammenzufügen, um wenigstens ein paar "Mosaiksteinchen" zu sammeln. Dafür müssen allerdings auch weniger spektakuläre Begebenheiten untersucht werden. Um nur einige zu nennen:
Zum Verständnis der oft bemühten und fast ebenso oft bestrittenen Strategie der Einkreisung Deutschlands muss auch die südliche Komplettierung dieses eisernen Rings mit Hilfe der Balkanstaaten analysiert werden, die, obwohl am Rande liegend, keineswegs Randerscheinungen darstellten. Auf diesem Umweg gerät der eigentlich unscheinbare "Balkanbund" des Jahres 1912 ins Rampenlicht. Er wurde durch das russische Geheimabkommen von 1911 ermöglicht, mit dem die Entente den Serben, Bulgaren und Griechen die ehemaligen osmanischen Provinzen Thrazien und Mazedonien (sowie Nord-Epirus) opferte, um die Balkankönigreiche zur Mitgliedschaft in der Entente, also zur Teilnahme am Krieg gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn zu bewegen.
Prompt stürzten diese sich 1912 im 1. Balkankrieg gemeinsam - angeblich zur Befreiung der Christen - auf die osmanischen Provinzen (die türkische Armee war wegen des italienischen Angriffs auf Libyen zu großen Teilen in Nordafrika gebunden), eroberten sie und teilten sie im 2. Balkankrieg 1913 unter sich auf -- ersetzten aber das islamische durch ihr nationalistisches Joch, unter dem sie rücksichtslos die berüchtigte Serbisierung, Bulgarisierung und Gräzisierung betrieben. Seitdem sind die Thrazier und Epiroten untergegangen. (Dieser Hintergründe wegen hat die souveräne Republik Mazedonien noch heute unter den Nachbarstaaten und den damaligen Entente-Mächten zu leiden, da die Mazedonier offenbar durch Ignorierung aus dem Gesichtskreis der internationalen Politik verdrängt werden sollen.) Für die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs kann Mazedonien also nicht so unwichtig gewesen sein, wie die Nachbarn es heute gern darstellen, besonders wenn man berücksichtigt, dass im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts allein 154 dicke Bände unter dem Namen "Mazedonien" mit Akten aus jener Zeit gefüllt sind, - und wieviel mehr lagern wohl noch in Wien oder in St. Petersburg und Istanbul.

Fortsetzung folgt.


Leserbrief vom 14. 12. 2007, der im Januar 2008 in Skopje von "Forum" abgedruckt wurde:
Die Satire "Namensgrieche" (dsch) in der FAZ vom 12. 12. 2007 könnte als gelungen witzig, gar als humorvoll bezeichnet werden, - allerdings ist die Realität kein "Comic". Wenn die Namensfrage schon für die Griechen "die Staatsräson antasten" soll, was einer maßlosen Übertreibung gleichkommt, dann geht es bei den Mazedoniern um das Risiko des Verlusts ihrer Identität und möglicherweise der staatlichen und ethnischen Existenz. Denn die slawischen Mazedonier tragen diesen Namen schon seit der Völkerwanderung, also seit der Besiedlung des gesamten Balkans vor rd. 1500 Jahren (also länger, als z. B. einige der zentraleuropäischen Staaten ihre Namen besitzen), während die Griechen ihn für ihre 1913 eroberte mazedonische Provinz Nordgriechenland (die erst nach der Wende 1989/90 in Mazedonien zurückbenannt wurde) nur seit knapp 95 Jahren beanspruchen können.
Tatsächlich wollen/sollen Griechen und Mazedonier erneut über den absurden Namen "Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien" (FYROM) verhandeln, - als ob die kleine Republik Mazedonien auch nur die geringste Chance hätte, gegen Athen in gleichberechtigte und faire Verhandlungen eintreten zu können, zumal das EU- und NATO-Mitglied Griechenland durch sein willkürliches Veto mit der uneingeschränkten Hilfe der europäischen Staaten die Mazedonier beliebig lange "draußen" halten kann. Die Missgeburt dieses Namens ist den Mazedoniern 1992 von Griechenland trickreich übergestülpt worden, weil kein anderes Mitglied des Ministerrats am 26. Juni 1992 bei Lissabon die historischen Hintergründe parat haben konnte, und sich folglich alle von dem unzutreffenden Argument der Griechen irreführen ließen, der Name Mazedonien sei für die Republik Mazedonien nicht wichtig, da ihn Tito dieser jugoslawischen Teilrepublik erst 1944 verliehen habe. Obwohl die starke griechische Position auf einer Täuschung der befreundeten EU-Mitglieder (sowie im Januar 1993 der UNO-Mitgliedstaaten) beruht, steht die Kommission kritiklos an der Seite Athens, auf diese Weise demonstrierend, dass es ihr - anders als der Kommissionspräsident noch am 13. 12. 2007, ebenfalls in Lissabon, postulierte - nicht um (Zitat) "Gerechtigkeit" geht, sondern dass sie ungerührt griechische Macht vor internationalem Recht gelten lässt. Wenn dann noch berücksichtigt wird, dass auch der amerikanische UN-"Vermittler" ebenfalls zugunsten Griechenlands eingenommen ist, wie aus einigen seiner Briefings in Skopje in den Jahren 1994 und '95 zu entnehmen war, kann man die Lage des wehrlosen Mazedoniens nur als verzweifelt bezeichnen.
Dabei sprechen die objektiven Daten eigentlich alle zu seinen Gunsten. Vielleicht mit einer Ausnahme, worauf in der Satire mit berechtigtem Spott hingewiesen wird: Natürlich war es ein Fehlgriff, den Flughafen Skopje nach Alexander dem Großen zu benennen; es lagen doch genügend Erfahrungen vor, um extrapolieren zu können, dass Griechenland die frei Haus gelieferte Munition auch zu nutzen wissen würde. Andrerseits  folgten die Mazedonier wohl einem großen Vorbild, das auch alle anderen europäischen Staaten als die Wiege der abendländischen Kultur ansehen; denn auch die Griechen haben nach der Wende 1989/90 ihren Flughafen Saloniki auf den Namen des großen Mazedoniers umgetauft. Ihre Berechtigung hierfür ist durchaus zweifelhaft. Zwar hat Alexander auf seinen Feldzügen unbestritten den "Hellenismus" verbreitet, aber er war nun einmal kein Grieche. (Auch wir anderen Europäer profitierten alle vom Hellenismus, ohne Griechen geworden zu sein.)
Anders als die Griechen können die slawischen Mazedonier  immerhin auf einige Pluspunkte hinweisen: Als die slawischen Stämme im 6. und 7. Jh. auf den gesamten Balkan einwanderten, lebten in der von den Römern Ende des 4. Jh.s n. Chr. aus den bekannten Gründen verlassenen römischen Provinz "Macedonia" noch die Nachkommen der antiken Mazedonier, so wie in Thrazien noch die Nachkommen der antiken Thrazier und in Epirus die der antiken Epiroten. Im Laufe der Zeit wurden diese Völker von den zahlreicheren slawischen Siedlern unter Beibehaltung der antiken Volksnamen assimiliert und dürften ihre genetischen Spuren im Blut der slawischen Mazedonier (wie die assimilierten Thrazier im Blut der Bulgaren, Griechen und Türken, letztere zumindest in Ost-Thrazien, und der assimilierten Epiroten im Blut der Griechen und Albaner) hinterlassen haben. Ebenso wie die Slawen die 150 Jahre später auf dem Ost-Balkan einwandernden, türkisch sprechenden Bulgaren assimiliert haben, die folglich die slawische Sprache übernahmen, [was die heutigen Bulgaren nicht daran hindert zu behaupten, die heutigen Mazedonier sprächen "bulgarisch"], und so, wie im 9. Jh. (lt. Georg Stadtmüller in seiner "Geschichte Südosteuropas"), die in das griechische Mutterland wiederkehrenden - während der Völkerwanderung vor den einfallenden Slawen zurückgewichenen - Griechen ihrerseits allmählich die Slawen und die nachrückenden Albaner assimilierten. Aber verwandtschaftliche Beziehungen mit den antiken Mazedoniern können die Griechen nicht ins Feld führen.

Entgegen seinen Behauptungen hat Griechenland noch niemals mazedonisches Territorium besessen. Nicht in der Antike - im Gegenteil: es war das antike Mazedonien, das rd 120 Jahre hindurch die Hegemonie, z. B. im Korinthischen Bund, über  Griechenland ausgeübt hat und zeitweilig sogar Athen besetzt hatte. Und nicht in der Römerzeit, als beide Staaten zu römischen Kolonien degradiert worden waren; noch während der slawischen Besiedlung. Und schon gar nicht im Osmanischen Reich. Erst im 20. Jh., nach den Balkankriegen 1912/13, hat Griechenland erstmalig in der Geschichte der beiden Nachbarn süd-mazedonischen Boden (einschließlich Salonikis) und West-Thrazien erobert und völkerrechtswidrig annektiert - und zwar zusammen mit Serbien, Bulgarien und Montenegro, (dank der Rückenstärkung eines Beistandsabkommens mit dem Entente-Mitglied Russland, das den vier kleinen Balkankönigreichen die einzige Chance bot, überhaupt einen Krieg gegen das Osmanische Reich riskieren zu können, ohne selbst von Österreich-Ungarn und/oder Rumänien, geschluckt zu werden).
[Als Memo: Die Thrazier und Epiroten sind nach 1912/13 als Folge der rigiden Gräzisierung, Bulgarisierung und Türkisierung untergegangen; die Mazedonier überlebten nur als serbischer Bestandteil der Kriegsbeute in Nord-Mazedonien (Vardar-Mazedonien) unter dem Dach Jugoslawiens.]
Die Annexion 1913 war völkerrechtswidrig. Dies (und nicht die griechische Angst vor der waffenstarrenden Großmacht Mazedonien) ist der eigentliche Grund, weswegen Athen die Geschichte der Republik Mazedonien zu tabuisieren versucht, weil es nicht an die Schande von 1913 erinnert zu werden wünscht. Das mag  - zur Not ! - noch nachvollziehbar sein. Dass aber die Europäische Union und das Europäische Parlament sich als Hüter der in Jahrhunderten gewachsenen europäischen Werte nicht scheuen, dieses Unrecht und den mutwillig oktroyierten Namen FYROM in falsch verstandener  Solidarität durch Vertuschung zu decken,  ist ein Armutszeugnis für europäische Idee und scheint als Zeichen dafür gesehen werden zu müssen, dass es in dieser Organisation offenbar doch mehr um Mauschelei, Geld und Geschäft als um Wahrhaftigkeit, Ethik und Moral geht.
Eines wird das mazedonische Ländchen aus dem teilweise ebenfalls ungerechten Abkommen von Ochrid 2001, das ihm von Brüsseler Bürokraten ohne jede Berücksichtigung historisch gewachsener Hintergründe und aktueller Gefahrenherde unter dem ständigen Damoklesschwert der Beitrittsverweigerung abgepresst worden war, gelernt haben: Durch Botmäßigkeit kann es sein Überleben nicht gewährleisten. Es bleibt ihm unter Anruf der Weltöffentlichkeit nur die standhafte Vertretung seines Rechts.

Nachstehend folgt mein Leserbrief vom 21. März 2008, den die Süddeutsche Zeitung am 31. 03.08 abgedruckt hat:

Man kann Frau Schlötzer zu Ihrem Interview mit der griechischen Außenministerin nur gratulieren, denn bisher hat die Regierung in Athen öffentlich selten so klar zur griechisch-mazedonischen Namensfrage Stellung bezogen. Deshalb nehme ich mit großem Interesse die Aussage zur Kenntnis, dass "Mazedonien ... zu 50 % griechisch ist". Schade, dass Dora Bakoyanni nicht erläutert hat, dass dieses Territorium die völkerrechtswidrige Beute war, die Griechenland nach den Balkan-Kriegen 1912/13 annektiert hat.
Der Erste Balkan-Krieg wurde zusammen mit Bulgarien und Serbien gegen das Osmanische Reich - angeblich zur Befreiung der mazedonischen Christen vom türkischen Joch - geführt. Damit hatte Griechenland erstmals in der Geschichte der beiden Nachbarvölker (ob antik oder slawisch) mazedonischen Boden besetzt. Es kann nur spekuliert werden, warum die Außenministerin den - im 7. bis zum 9. Jh. ebenfalls slawisierten,  ursprünglich türkischsprachigen - Bulgaren zubilligt, sich 1912/13 "30 Prozent" Mazedoniens einverleibt zu haben, denn diese Zahl ist falsch. Griechenland und Serbien werden im Zweiten Balkan-Krieg kaum gegen das im Ersten Balkan-Krieg noch verbündete Bulgarien gezogen sein, um den besiegten Bulgaren anschließend großzügig 30 % des mazedonischen Territoriums zu überlassen; vielmehr erhielt Bulgarien gemäß dem Bukarester Friedensvertrag von 1913 mit der Provinz "Pirin"-Mazedonien nur zehn Prozent des mazedonischen Bodens. Der serbische Anteil bestand folglich aus den restlichen etwa 40 %, dem "Vardar"-Mazedonien, das unter dem Dach von Titos Jugoslawien als Teilrepublik überlebte.
Alle drei Landesteile zusammen ergeben das Gebiet des antiken Mazedoniens, das die Slawen vor etwa 1400 Jahren - ebenso wie den gesamten Balkan bis zum Peloponnes - besiedelten. Seitdem nannten sich die im antiken Thrazien siedelnden Slawen Thrazier und die auf antikem mazedonischen Boden siedelnden Slawen Mazedonier - bis zum heutigen Tag. (Damit tragen die Mazedonier ihren Namen länger, als manches zentraleuropäische Volk den seinen trägt.) Die Thrazier allerdings konnten nach 1913 dem Druck der Gräzisierung, Bulgarisierung und Türkisierung nicht standhalten und gingen - ebenso wie die slawischen (ehemals antiken) Epiroten - unter.
Wegen dieser historischen Hintergründe hat kein einziger seriöser Politiker der Republik Mazedonien jemals die anachronistische Behauptung aufgestellt, Alexander der Große sei ein Slawe gewesen, wie Bakoyanni zu unterstellen scheint. Grieche war Alexander, der König der Makedonen, natürlich auch nicht. So, wie die Bulgaren heute das Erbe der antiken Thrazier unbestritten für sich reklamieren, dürfen auch die heutigen Mazedonier auf ihrem Gebiet das Erbe ihrer antiken Vorgänger, die sie im 6. und 7. Jh. (nach dem Rückzug der Römer im 5. Jh.) noch vorgefunden haben, für sich einfordern.
Um diese komplizierten Zusammenhänge aufzubröseln, wäre eine griechisch-mazedonische, wenn nicht sogar europäische Historikerkommission das einzig erfolgversprechende Mittel, wie es der mazedonische Außenminister, Antonio Milososki, in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen vom 11. März bereits öffentlich vorgeschlagen hat. Eine solche Einrichtung, die sich in mehreren Fällen bestens bewährte, hat Bakoyanni leider in dem SZ-Interview sechs Tage später prompt abgelehnt. Es scheint, als ob die Griechen eine derartige Kommission zu scheuen haben und es daher vorziehen, die Geschichte weiter zu tabuisieren. Andernfalls würde nämlich deutlich werden, warum die "Verbündeten und Freunde" Griechenlands in der Nato und der EU keineswegs der absurden griechischen Erwartung, "verstanden zu werden", nachkommen können, ohne sich lächerlich zu machen. Denn sogar die USA, Russland und China haben - mit Sicherheit nicht ohne gründliche Recherchen - außer etwa 117 anderen Ländern den legalen Staatsnamen der Mazedonier anerkannt.
Schließlich äußert sich Bakoyanni besorgt, dass von mazedonischer Seite womöglich ein "Großmazedonien" angestrebt werde. Sie verschweigt also, dass die Republik Mazedonien sofort nach der Unabhängigkeit auf Anraten der EU in ihrer Verfassung auf Grenzänderungen feierlich verzichtet hat. Die Griechen könnten viel zur Befriedung und zur Stabilisierung auf dem Balkan beitragen, wenn sie (und übrigens auch die Albaner im Kosovo und in West-Mazedonien) ebenfalls eine solche Verpflichtungserklärung abgäben.